„DAS WAREN ECHTE GÄNSEHAUT-MOMENTE!“

Trend Poetry-Slam: Exklusivinterview mit Diane Köhle von Ella S., 5b.

Diane Köhle beim Moderieren eines Poetry-Slams. Bildquelle: https://www.flickr.com

Diana Köhle organisiert und moderiert seit 14 Jahren Poetry Slams in Wien, literarische Wettstreite, bei denen poetische, lustige und kritische Texte vorgelesen und anschließend beurteilt werden. Ich habe mich mit ihr vor einiger Zeit in einem Café getroffen und ihr ein paar Fragen zu ihrem Beruf, sozialen Medien und Flitzern auf der Bühne gestellt.

Du moderierst und veranstaltest verschiedene Poetry Slams und hast viele solche Veranstaltungen (SlamB, Tagebuch-Slam…) sogar mitgegründet. Wie würdest du Poetry Slam im Generellen und deinen Beruf im Spezifischen beschreiben?

Poetry Slam ist ein Dichter/innen Wettstreit, bei dem um die Gunst des Publikums gekämpft wird. Die Texte werden vor Publikum vorgetragen und selbstverständlich gibt es einige Regeln, so hat man beispielsweise bloß fünf Minuten Zeit um Vorzutragen und der Text muss eigens verfasst sein. Es sind alle Sprachen und Genres erlaubt und schlussendlich entscheidet das Publikum, wer den besten Text vorgetragen hat. Poetry Slam ist keine klassische Lesung, sondern oft unterhaltsam und es lebt davon, dass der Abend von Auftretenden und Publikum gestaltet wird, sowie von mir als Organisatorin und Moderatorin. Ich denke, als Moderatorin ist Objektivität sehr wichtig und man muss darauf achten, dass alles im Rahmen bleibt (dass die Zeit nicht überschritten wird, dass alle zufrieden sind…) Mir macht Poetry Slam aus vielen Gründen unglaublich Spaß, doch vor allem, weil es generationsübergreifend ist – meine jüngste Teilnehmerin war 14 und mein Ältester 81. Ich organisiere und moderiere verschiedene Formate, wie zum Beispiel auch den Tagebuch-Slam, wo Leute Tagebücher aus ihrer Jugend vorlesen. Da war mein ältester Teilnehmer 90 – das waren Gänsehaut Momente. Bei mir ist das alles aus einem Spaß heraus entstanden, ich mache das mittlerweile seit 2004, den Tagebuch Slam organisiere und moderiere ich seit 2013 und inzwischen ist das mein Beruf.

Hast du selber schon etwas vorgetragen?

Nein, vorgetragen habe ich noch nie, das ist vielleicht ein großer Unterschied zu allen anderen in der Poetry Slam Szene Tätigen, ich bin eine der wenigen Slamerinnen- und Slamerorganisator/innen bzw. Moderator/innen, die nicht auftritt. Zwar schreibe ich nicht, doch lese und höre ich gerne. Mir liegt eben das Organisieren und Moderieren, das macht mir Spaß. Beim Tagebuch-Slam allerdings habe ich mitgemacht, schließlich habe ich auch Tagebuch geschrieben, aber wirklich geslammt habe ich erst ein Mal. Es gibt einen Auftritt von mir in Innsbruck, wo ich studiert habe, doch das war nicht meine Art und Weise, mich auszudrücken, das können andere viel besser.

Wann hast du angefangen, dich für Poetry Slam zu interessieren und dir zu überlegen, dass du das später mal machen möchtest?

Ich habe in Innsbruck studiert und dort hat mein Bruder einen Poetry Slam organisiert. Ich war immer bei ihm im Publikum, seine kleine, freche Schwester, die sich dann mit ihm angelegt hat. Dann bin ich 2003 nach Wien gezogen, wo es keinen regelmäßigen Poetry Slam gab, und das ist mir so abgekommen. Schließlich habe ich mit einer Freundin beschlossen, einen Poetry Slam zu gründen. 2004 haben wir ‚Textstrom‘ gegründet, doch dann bin ich ausgestiegen. Davor haben wir den Ö-Slam moderiert und organisiert, das sind die ersten österreichischen Slam-Meisterschaften, das war 2007, dann bin ich ausgestiegen und habe ein Jahr lang pausiert, bis ich gemerkt habe, dass mir die Leute und das Format sehr wichtig sind und 2009 gründete ich den SlamB, sowie einige zusätzliche Formate wie eben den Tagebuch Slam. Mein Interesse an Literatur ist stetig gewachsen und ich mag dieses Veranstaltungsformat einfach, vor allem weil 5 Minuten einerseits eine angenehme Zeitdauer sind, andererseits ist es schnell vorbei, wenn der Text schlecht ist.

 

Welche Tipps würdest du Jugendlichen geben, die ebenfalls daran interessiert sind, mit Poetry Slam anzufangen?

Nun, es gibt einen U20 Slam, also einen Slam für unter 20-Järhrige, der im Dschungel stattfindet. Da  gibt es im Vorfeld schon immer einen Schreibworkshop, wo man  mit professionellen Slammer/innen an seinen Texten feilen kann. Etwas, dass ich aber jedem raten kann, ist zu einem Slam zu gehen und sich anzuschauen, was das ist, und dann erst mitmachen. Schließlich muss jeder für sich feststellen, ob er bewertet werden will. Auch wichtig ist der Umgang mit dem Mikrophon, weil ein guter Text nicht mehr gut ist, wenn man ihn nicht richtig ins Mikro spricht und niemand einen hört. Es ist einfach wichtig, dass man mit dem Mikrophon umgehen kann, deshalb sollte man sich am Anfang, wenn man ins Rampenlicht tritt, am Mikro festhalten, um sich daran zu erinnern, dass es da ist. Außerdem sollte man das Blatt Papier am Notenständer ablegen, damit man nicht sieht, wenn man zittert. Ansonsten soll man sich einfach ausprobieren; ich gebe auch selten Schreibtipps, weil jeder sich individuell ausprobieren soll, denn gerade die Menschen, die verschrobene Sachen schreiben, gefallen mir besonders gut.

Gibt es auch Formate, bei denen man nicht bewertet wird?

Dann ist es kein Poetry Slam. Ein Slam wird bewertet, und das ist etwas, dem man sich stellen muss. Es gibt auch Slams mit Fixstartplätzen für U20-Starter/innen, und heuer ist zum Beispiel in Vorarlberg der U20 Ö-Slam, da lernen sich junge Leute auch kennen, wie eine Klassenfahrt, nur cooler. Wer Interesse hat kann sich aber jederzeit an mich wenden. (www. Slamb.at/ http://www.liebestagebuch.at)

Ist Poetry Slam etwas, von dem man leben kann?

Das können mittlerweile manche, es kommt natürlich darauf an, wieviel man zum Leben braucht. Ich sage gerne, ich lebe nicht von der Kunst sondern für die Kunst, und es gibt auch in Österreich mittlerweile professionelle Slammer/innen, doch es ist kein einfaches Leben. Die meisten Slamer/innen haben davor schon etwas anderes gemacht oder machen das nebenbei, da ist es natürlich ideal, wenn man Student/in ist und das nebenbei macht. Wenn man wegen eines Poetry Slams verreist wird das selbstverständlich bezahlt und meist gibt es auch eine kleine Gage. Bei einem organisierten Slam springt meistens Geld für die Vortragenden heraus, bei einem offenen Slam wie SlamB, der gratis ist, kann man natürlich nichts bezahlen. Ich kooperiere inzwischen mit W24 und nun gibt es auch immer ein Sieger/innen Preisgeld. Elias Hirschl z.B. hat mit 16 angefangen zu slammen, ist nun Anfang 20, hat vier Romane veröffentlicht und ist damit erfolgreich. Viele heutige Stars waren ebenfalls schon auf der Bühne, der Wanda-Sänger, der Nino aus Wien… Poetry Slam kann ja auch ein Schritt in eine bestimmte Richtung sein.

Gibt es bestimmte Themen, die oft thematisiert werden? Was ist ein oft verwendeter Stil (Kabarett…)

Das ist schwierig… Jeder hat seinen eigenen Stil, ich glaube, das kann man nicht verallgemeinern. Natürlich merkt man, wenn gerade etwas in der Luft ist und das verarbeitet wird (Zum Beispiel damals, wo Charlie Hebdo gerade Thema war, oder wenn der Winter zu lange ist…) Doch die Leute wollen vor allem unterhalten werden, das heißt, lustige Dinge kommen immer gut an. Grundsätzlich gibt es aber kein Erfolgsrezept, man muss sich einfach selbst treu bleiben und dann funktioniert das schon.

 

Merkst du Unterschiede zwischen der österreichischen und der internationalen Poetry Slam Szene?

Ja, große Unterschiede sogar! Wir waren eine Zeit lang weit hinterher und auch jetzt haben wir immer noch einiges zum Aufholen. Die deutsche Szene beispielsweise ist schon viel größer, viel präsenter, da gibt es in jeder Kleinstadt einen Poetry Slam. Wir sind inzwischen ganz gut im Rennen, doch unsere Szene ist immer noch relativ überschaubar; So kenne ich beispielsweise die meisten österreichischen Slamer/innen. Doch wir sind auf einem guten Weg! Wir haben schon einige Talente, so gibt es beispielsweise einmal im Jahr die deutschen Slam-Meisterschaften, wo schon zweimal Österreicher/innen im Finale waren.

Auf der Website von SlamB wird ausdrücklich erwähnt, dass man sich auf der Bühne nicht ausziehen darf. Gab es da schon Vorfälle und, wenn ja, was ist passiert?

Achja, die Skandalnudel… Ja, es gab tatsächlich einen Vorfall, das ist schon länger her, und da war ein Typ auf der Bühne, der zuerst das Publikum beschimpfte, etwas, dasnichts Neues ist, dann begann er sich auszuziehen, auch das  kennt man schon, doch dann war er wirklich komplett nackt und hat begonnen, das Publikum zu bewerfen, woraufhin ich ihn von der Bühne bitten musste. Ich musste erst zwei Mal jemanden der Bühne verweisen, doch der ist inzwischen ein Star und der Sänger von Wanda.

 

Was war der zweite Vorfall?

Das war kurz nach dem ersten Vorfall und wieder hat jemand begonnen, das Publikum  zu bewerfen, da habe ich schnell reagiert und ihn von der Bühne gebeten. Es muss aber dazugesagt werden, dass das bei 329 Teilnehmer/innen erst zwei Mal passiert ist, das ist also verhältnismäßig gar nicht schlimm- damit muss man rechnen.

 

Viele Poetry Slams kann man ja problemlos im Internet ansehen. Wie stehst du zu sozialen Medien?

Ich sehe soziale Medien kritisch, um ehrlich zu sein, weil ich einige schlechte Erfahrungen gemacht habe, doch das Thema wird immer präsenter, und so muss man sich damit auseinandersetzen. Ich habe inzwischen eine Kooperation mit W24, die filmen den Poetry-Slam nun mit und machen daraus eine Fernsehsendung, mal sehen, wie das funktioniert. Ich persönlich finde, dass Poetry-Slam vom live-Moment lebt, doch natürlich kann ich mich sozialen Medien nicht ganz verwehren. Trotzdem ist es als Ein-Frau-Unternehmen auf Dauer sehr anstrengend, alles am aktuellsten Stand zu halten.

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