Kommentar von Alex W.

Die 5A hält einen einsamen Rekord, den an Frühwarnungen. In unserer Klasse ist es eher die Norm als die Ausnahme, in einem oder mehreren Fächern eine zu haben.

 

Dabei unterscheiden wir uns in Anzahl (22), der Geschlechterverteilung, den Interessen, der Anwesenheit in der Schule, nicht viel von anderen Klassen. Es begann auch ganz schleichend, hie und da ein 5er, entwickelte sich dann aber im Schneeballprinzip. Wir sind jetzt so weit, dass in einem Hauptfach, nur sechs Schüler sicher positiv sind, drei weitere haben noch eine Chance und der Rest kassiert, laut Lehrkraft, in diesem Semester den 5er. Wir sind lange nicht mehr damit beschäftigt, etwas verstehen und lernen zu wollen, wir wollen nur noch durchkommen. Der Blick vom großen Ganzen, unserer Persönlichkeitsentwicklung als kompetente Jugendliche, hat sich zu einem naheliegenden Ziel eingeengt: wir wollen, wie auch immer, den Aufstieg schaffen.

 

Ja, was bedeutet denn so ein 5er? Dass wir den Stoff, so wie er vorgetragen wurde, nicht verstanden haben und nicht anwenden können. Wie viele von uns? Über 60%, es ist in unserer Klasse also die Norm.

 

Wie kann das sein? Laut dem prominenten Bildungsforscher John Hattie (https://visible-learning.org/de/) können mangelnder Fleiß, falsche Eignung oder die fehlende Unterstützung von zuhause nicht alles erklären. Er meint auch, dass die emotionale Seite des Lernens eine wesentliche sei, dass ohne Vertrauen, Fürsorge und Respekt zwischen Lehrer und Schüler, kein Unterricht gelingen kann.

 

Ich habe bei vielen Kindern unserer Klasse erlebt, wie sie sich von Alleinunterhaltern, Musikgenies, Zeichentalenten zu Zauderern, Zweiflern und Fatalisten entwickelt haben. Irgendwann akzeptiert man, ein Schulversager zu sein. Hallo??? Lehrer???

 

Die Eltern zuhause fragen sich, was haben wir falsch gemacht? Teure Nachhilfe wird organisiert und bei einigen auch die Psychotherapie. Die Schüler empfinden sich als zu dumm, zu klein, zu unwissend, ohnmächtig also. Dieses Gefühl, unzureichend zu sein, mehr noch als bei anderen Gleichaltrigen, begleitet viele von uns überall hin. Wir haben verinnerlicht, dass nur wir die Bringschuld haben.

 

Sicher lernen wir zu wenig, fragt sich nur, warum? Sicher haben wir vieeeeele andere Interessen, wir sind 15 Jahre alt. Aber gegen solche Zustände spricht jede Statistik. Anderseits, haben wir auch viele Verbündete gefunden: Freunde, Eltern, ja, auch Lehrer.

Wenn talentierte und intelligente Jungen und soziale und blitzgescheite Mädchen, von der Schule mit einem 5er bewertet werden, dann kennt diese Schule viel zu wenig von ihnen.

 

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